INTERVIEW IN ‚QUEERULANT_IN‘ Sommer 2019

„So strahlen die Menschen vor selbstbewusster Vielfalt.“

Inhalt des Textes:
Im April 2019 sprachen Queerulant_in und FaulenzA miteinander.
FaulenzA macht Musik und schreibt Bücher.
FaulenzA ist trans*.
Sie setzt sich für die Rechte von trans* Personen ein.
Queerulant_in und FaulenzA sprachen über psychische Krisen.
Sie sprachen auch über gute Erfahrungen.
Zum Beispiel Unterstützung durch Freund_innen.
FaulenzA erzählt wie das Leben für sie schöner sein könnte.

Ein Gespräch aus dem April 2019 mit der Musikerin FaulenzA über psychische Krisen, Unterstützungserfahrungen, Umgangsstrategien und Utopien eines besseren Lebens.

Anmerkungen zum Inhalt: Das folgende Interview enthält Erzählungen von psychiatrischen Diagnosen, Selbstverletzung, Psychiatrie-Erfahrungen und trans* ●Misogynie.

Queerulant_in (Q_in): Hallo FaulenzA, du bist Musikerin, ●Trans*Aktivistin und Buchautorin – und das ja schon seit einigen Jahren. Wir freuen uns, dass du heute mit uns sprechen magst.

FaulenzA: Hallo liebe Queerulant_in! Hallo liebe Lesenden! Ich freue mich sehr, ein Interview für euch zu geben. Ich fühl mich sehr geehrt von eurem Interesse. Ich mag eure Zeitschrift so gerne! Ja, ich mache nun schon seit 10 Jahren Musik unter dem Namen „FaulenzA“. 2017 kam mein erstes Buch „Support your sisters not your cisters – über Diskriminierung von Trans*Weiblichkeiten“ raus und November 2018 mein viertes Album „Wunderwesen“.

Q_in: Psychische und psychiatrische Unterstützungsangebote zu nutzen ist gesamtgesellschaftlich immer noch ziemlich tabuisiert und stigmatisiert. Trotzdem gehst du ziemlich offen damit um, dass du aktuell stationär in einer Psychiatrie bist. Wie geht es dir denn inzwischen?

FaulenzA: Ich bin jetzt seit 10 Wochen stationär in einer Psychiatrie und habe noch zwei Wochen vor mir bis zu meiner Entlassung. Ich habe hier viel gelernt, aber der näher rückende Übergang in den Alltag macht mir Angst. Ich hoffe, dass ich dann den Weg weitergehen kann den ich hier begonnen hab. Die Methoden anwenden kann und so. Ich war auch vorher schon mal stationär und auch mal teilstationär in einer Tagesklinik. Anfangs war ich ganz schüchtern damit Leuten davon zu erzählen. Bei meinem ersten stationären Aufenthalt habe ich selbst bei meinen engsten Freund_innen gezögert, ihnen davon zu erzählen. Mittlerweile bin ich was das angeht selbstbewusster geworden. Sich Unterstützung zu holen und an sich zu arbeiten ist etwas, was auch Kraft und Mut kostet. Das ist etwas Gutes. Ich möchte nicht, dass das als etwas angesehen wird wofür mensch sich schämen muss. Deshalb habe ich das diesmal gleich ganz offen auf meinen Internetseiten erzählt. Ich bin sogar stolz darauf. Ich habe in meinem Leben viel Scheiße erlebt und trotzdem habe ich therapeutisch ganz beachtliche Fortschritte geschafft.

Q_in: Nicht nur auf deiner Website, sondern auch in deinem letzten und neusten Album „Wunderwesen“ hast du dich mit den Themen Psychiatrie bzw. psychische Krisen und Umgang mit diesen auseinandergesetzt. Den Song „Wie sie mich haben wollen“ beginnst du mit dem Widerspruch zwischen verinnerlichter Stigmatisierung psychischer Diagnosen und der Kritik an diesen.

FaulenzA: Ich gelte durch verschiedene psychiatrische Diagnosen als krank. Besonders eine davon hat mich stark verunsichert als ich sie das erste Mal bekommen habe. Da habe ich mir all die Symptome angeschaut, die dazugehören und gedacht: „Oh nein! So schlimm bin ich?“ Und es klang so endgültig. So als ob es mir nie besser gehen könnte, weil ich krank bin. Anderen würde es schlecht gehen, weil sie aus „guten“ Gründen Krisen haben. Und ich wäre einfach verrückt. Das wäre eben so. Später fand ich auch eine beruhigende Seite an der Diagnose. Immerhin habe ich in der Psychiatrie gesehen, dass es viele Menschen gibt, denen es so ähnlich geht wie mir. Und dass es ganz klare therapeutische Wege gibt damit klarzukommen. Trotzdem werte ich mich häufig noch selbst ab. Fühle mich fehlerhaft und schlechter als andere. In starken Momenten versuche ich mich aber auch als „besonders“ zu betrachten und stolz zu sein auf all die Fortschritte, die ich gemacht habe. Ich habe aber auch Angst, dass andere Menschen mich durch meine sogenannten „Störungen“ anders betrachten. Tourette-Syndrom (1), Symptome wie Dissoziationen (2) und vernarbte Arme sind auffällig bei mir. Da mache ich mir oft Sorgen, dass Menschen mich nicht ernst nehmen, mich nicht auf Augenhöhe behandeln oder nicht mit mir befreundet sein wollen. Auch dass Freund_innen sich Sorgen machen, wenn sie sehen, dass es mir schlecht geht. Also, dass ich eine Belastung für sie bin ist eine Sorge von mir.

Q_in: Wie wir dich verstanden haben, ist öffentlich mit deinen psychiatrischen Erfahrungen, deinen psychischen Krisen und auch Diagnosen umzugehen, eine Form der Strategie um der Selbstabwertung etwas entgegenzusetzen. Gibt es noch weitere Strategien, die du teilen möchtest?

FaulenzA: Ich versuche aus der Selbstabwertung rauszukommen, indem ich Sachen sammle, die ich an mir mag. Indem ich, wenn möglich, mit Leuten rumhänge bei denen ich mich gut fühle. Indem ich eigene Hobbies und Interessen finde. Am besten auch welche, die ich auch allein machen kann. Ich habe angefangen mir solche Hobbies und Sachen, die ich an mir mag, zu tätowieren, damit ich mich immer an sie erinnere. Ich überlege, wie und wer ich sein will und versuche, möglichst viel davon zu verwirklichen. Ich mache mir klar, dass ich es auch selbst in der Hand habe wie es mir geht. Dass ich Einfluss nehmen kann. Zum Beispiel indem ich mir Hilfe hole, wie hier in der Psychiatrie.

Q_in: Gerade auch in queerfeministischen Politiken wird die Institution, aber auch die Praxis Psychiatrie ja oft kritisiert. Gibt es positive oder negative Erfahrungen, die du dort gemacht hast und von denen du berichten möchtest?

FaulenzA: Ich war im Verlauf der letzten Jahre auf unterschiedlichen Stationen. Da habe ich viele gute und auch schlechte Erfahrungen gemacht. Insgesamt hat mich die Therapie dort weitergebracht und mir geholfen. Zu den schlechteren Erfahrungen gehört, wenn ich bei einzelnen Pfleger_innen oder Ärzt_innen das Gefühl hatte nicht ernst genommen zu werden. Wenn ich nicht als individuelle Persönlichkeit gesehen wurde, sondern als Krankheit. „Die Frau FaulenzA hat Diagnose xy und ihre Einwände, Ängste, Wut, Handlungswünsche sind Symptome ihrer Krankheit“. Manche sehen es auch als therapeutisch sinnvoll an, ein „normales“ Leben zu führen. Die wollten, dass ich mindestens 20 Stunden lohnarbeiten gehe, weil das einer_m ja auch psychisch so gut täte. Mit Zwang umzugehen finde ich auch schwierig. Wenn ich eine Ausgangssperre hatte, weil ich als nicht stabil genug eingeschätzt wurde, hat mich das aggressiv gemacht. Auch wenn mir die Ruhe wahrscheinlich schon gutgetan hat. Und gleich neben unserem Entspannungsraum ist das „Fixierbettzimmer“. Das finde ich sehr gruselig, auch wenn ich noch nicht das „Vergnügen“ hatte.

Q_in: Und hast du auch gute Erfahrungen gemacht?
Die meisten Pfleger_innen und Therapeut_innen, zu denen ich in meinen Psychiatrieaufenthalten Kontakt hatte, waren aber echt mega sweet und lieb. Super hilfsbereit und einfühlsam. Oft wurde ich aus scheinbar ganz ausweglosen Gefühlszuständen und Situationen gerettet. Dafür bin ich sehr dankbar. Wer weiß wo ich heute stehen würde, wenn sie nicht gewesen wären? Kunsttherapie fand ich zum Beispiel spannend. Das ging richtig deep. Auch wenn ich eigentlich gar nicht malen kann. Auch allein das Gefühl, mal ein Stück weit Verantwortung für mich abgeben zu können tat mir gut. So hatte ich einen sicheren Rahmen um neue Strategien auszuprobieren, in denen ich mich noch nicht sicher fühle. Der Austausch und der Zusammenhalt mit den Mitpatient_innen war auch immer sehr wohltuend. Besonders jetzt aktuell auf dieser Station. Der Altersdurchschnitt passt gut zu mir und es sind fast alles Frauen. Ich finde es auch spannend, plötzlich mit so vielen unterschiedlichen Leuten aus unterschiedlichen gesellschaftlichen Schichten und Szenen zusammengewürfelt zu sein. Ich mag den hohen Working-Class-Anteil (3) hier. So unterschiedlich viele hier auch sind, haben wir aber alle ähnliche psychische Probleme und das schweißt irgendwie zusammen. Wir kümmern uns umeinander und akzeptieren uns so wie wir sind. Alle hier sind gewohnt als „verrückt“ zu gelten. So wird zum Beispiel auch mein Transfrau-Sein oder mein Tourette-Syndrom selbstverständlich akzeptiert. Von Leuten, die nicht in der ●feministischen Szene aktiv sind. Während ich mich mit sogenannten „Radikalfeministinnen“ (●TERFs) streiten muss, ob ich nun ein Mann bin oder nicht.

Q_in: Danke, dass du uns einen so tiefen Einblick gewährst und deine Erfahrungen mit uns und den Leser_innen teilst! Was hast du neben der Musik für Umgangsstrategien, Tipps und Tricks um mit psychisch belastenden Situationen umzugehen?

FaulenzA: Mir hilft Tagebuch schreiben. Entweder, um mich mit einem Thema auseinanderzusetzen, oder auch nur, um es in einem Stichpunkt zu notieren. Dann kann ich es in diesem Moment loslassen und weiß, dass ich mich ihm an anderer Stelle widmen werde. Mit Freund_innen Zeit verbringen oder zu telefonieren ist wichtig für mich. Aber mir tut es auch gut ein Repertoire an Methoden zu haben, die ich auch allein umsetzen kann, wenn es mir schlecht geht. Die versuche ich dann zu machen, selbst wenn ich gerade keine Lust darauf habe. Aufräumen, eine Serie schauen, einen Liebeskitsch-Roman lesen, Jonglieren, etwas kochen, Nordic Walking, eine Postkarte schreiben zum Beispiel. Für Momente wo ich auf nichts Lust habe und mich nicht zu etwas entschließen kann habe ich mir meine „Selfcare Uhr“ ausgedacht. Da bin ich ganz stolz drauf. Kreisförmig angeordnet, wie die Ziffern einer Uhr, habe ich Tätigkeiten aufgeschrieben die mir guttun. In der Mitte habe ich einen Zeiger gebastelt, den ich weiterdrehe, wenn ich eine Tätigkeit gemacht habe. Gerade steht er bei mir auf „Tagebuch schreiben“. So kommt auch keines der Hobbies zu kurz. Das finde ich besonders für die Dinge hilfreich, zu denen ich mich schwer motivieren kann.

Q_in: Das ist wirklich eine gute Idee. Schön, dass du so viele Strategien für dich gefunden hast. Hast du positive Erfahrungen im (solidarischen) Umgang mit psychischen Krisen erlebt? Was hat dir geholfen?

FaulenzA: Ich hatte schon mehrere schwere Krisen und jeweils auch tolle Unterstützung von Freund_innen. Wenn ich jetzt nur auf meine Letzte schaue, wegen der ich gerade in der Klapse bin, denke ich zum Beispiel an ein Mitbewohni, der_die mich zu Vorgesprächen auf Stationen begleitet hat. Eine Freundin hat mich in die Rettungsstelle gefahren und hat dort mit mir 5 (!) Stunden auf den Psychiater gewartet. Freund_innen haben für mich in Krankenhäusern angerufen und mich später dann dort besucht. Manche ließen ihr Handy nachts laut für mich und haben mich auch sonst mit Gesprächen unterstützt. Ich habe das Glück tolle Freund_innen zu haben und bin ihnen unglaublich dankbar für alles!

Q_in: Der Schwerpunkt dieser Queerulant_in-Ausgabe ist ja „Erzählt uns vom guten Leben“. Wie würde für dich ein gutes Leben aussehen?

FaulenzA: Ich würde mit meiner Hündin auf einem Wagenplatz in Berlin leben, auf dem es viel Gemeinschaft gibt. Auf dem Wagenplatz würden Freund_innen von mir wohnen und in der näheren Umgebung auch. Ich müsste keiner Lohnarbeit nachgehen und würde Musik auch nur so viel machen, wie ich gerade Lust dazu hätte. Und nun meine kleine Utopie:

Ich wache auf und befinde mich auf einer Straße in Berlin Kreuzberg. Irgendwas ist anders. Alles scheint irgendwie entschleunigt. Nur wenige Autos sind auf den Straßen, die Leute scheinen kaum gehetzt wie sie da auf der Straße bummeln. Es ist immer noch alles bunt, aber nicht mehr voll Werbung, sondern voll unterschiedlichster Street Art (4). Die Menschen hier scheinen Spaß dran zu haben ihre Umgebung liebevoll zu gestalten. Ich fühle mich wohl und verbringe einige Zeit damit, durch die Gegend zu schlendern und mich treiben zu lassen. Niemand guckt mich abwertend an. Keine_r drückt mir nen Spruch oder ruft mir hinterher: „Ey bist du ne Frau oder Mann?“. Manche schauen mir sogar bewundernd hinterher, scheinen mich attraktiv zu finden. Eingerastete enge Schönheitsvorstellungen scheinen hier vergessen. So strahlen die Menschen vor selbstbewusster Vielfalt. Ich atme tief ein vor Glück und stelle mir vor, dass in dieser Welt niemand Diskriminierung und Unterdrückung kennt. Ich gehe in den Supermarkt, nehme mir ne Cola und wunder mich, dass es weder Preisschild noch Kasse gibt. Komischer Laden. Aber so praktisch. Kann ich mir ja einfach nehmen, was ich brauche. Gibt ja gar keine Fleischtheke? Na, brauch ich eh nicht. Was ich auch nicht brauche sind Bullen, Soldat_innen, Kontrolleur_innen… Keine Spur von ihnen während meines traumhaften Stadtspaziergangs. Da plötzlich: Ein Regentropfen auf der Nase! Wie, jetzt? Hier regnet es? Ah richtig. Den kann mensch ja nicht abschaffen.

Q_in: Vielen Dank für deine Utopie und das nette Gespräch!

FaulenzA: Ich bedanke mich sehr herzlich für euer Interesse und eure Bemühungen, liebe Queerulant_in! Liebste Grüße auch an die Lesenden!

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Fußnoten:
(1) Das Tourette-Syndrom ist eine neuropsychiatrische Erkrankung, die durch Tics charakterisiert ist. Bei den Tics handelt es sich um spontane Bewegungen, Laute oder Wortäußerungen, die immer wieder in gleicher Weise einzeln oder serienartig auftreten können.

(2) Der Begriff Dissoziation beschreibt in der Psychologie die Trennung von Wahrnehmungs- und Gedächtnisinhalten, welche normalerweise assoziiert sind. Hierdurch kann die integrative Funktion des Bewusstseins, des Gedächtnisses, der Wahrnehmung und der Identität beeinträchtigt werden.

(3) Im Deutschen: Arbeiter_innen-Klasse.

(4) Street Art bezeichnet verschiedene Formen von unkommerzieller Kunst, wie Graffitis oder Aufkleber, im öffentlichen Raum.

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